BMW F 800 GS Adventure im Abendlicht

1000 Kilometer Abenteuer – BMW F 800 GS Adventure

Die Testperiode ist mittlerweile vorbei und das Testmotorrad steht wieder bei BMW. In den paar Tagen bin ich rund 1000 Kilometer mit ihr gefahren, die Masse davon sicherlich im Regen und bei schlechtesten Bedingungen. In dieser Zeit konnte sie sich als Alltagsmotorrad, als Tourer oder als Sozia taugliches Gefährt beweisen. Die Abenteuer waren eher im Kleinen zu suchen, die große Weltreisetour fehlte, lange Enduro Etappen oder endlose Schotterwüsten ebenso. Das dürfte ungefähr dem Großteil der künftigen Fahrer in Deutschland entsprechen, die in der Zielgruppe liegen.

Irgendwoher kommt mir auch das Konzept bekannt vor: reisetauglich mit Enduro Genen, Zweizylinder und mit viel Zuladung. Ist die BMW eine neue Interpretation der Honda Africa Twin (XRV 750) nur mit ABS und allem drum und dran? Dieses Konzept ging damals sehr gut auf, schaut man auf den Gebrauchtbörsen im Internet sind Laufleistungen von mehr als 100.000 Kilometern keine besondere Ausnahme. 220 Kilogramm bei knapp 60 PS waren die damaligen Eckdaten der Honda – nicht berauschend aber dennoch findet man die Africa Twin überall, auch in den einsamsten Gebieten. Ist damit die BMW ein würdiger Nachfolger des Konzepts?

Der Slogan von BMW – „weltreisetauglich ab Werk“ stimmt sicherlich und eine solche Verwendung traue ich dem Motorrad sofort zu aber drängt sich für viele nicht eventuell der Wunsch als die Tat in den Vordergrund? Auf dieses Motorrad setzt man sich drauf, die Reise beginnt – über Serpentinen, Schotterwege, Feld- und Waldwege, ein bisschen Schlamm und Dreck – abends ankommen und den Kaffee direkt auf dem Lagerfeuer zubereiten. Macht man nach diesen Momenten der Phantasie die Augen auf, stellt man fest, dass man noch immer in der Tiefgarage steht und der Seitenständer ausgeklappt ist.

Schlüssel drehen, die Kontrolllampen blinken und fordern den Druck auf den Starttaster. Kräftig dreht der Anlasser durch und der BMW Zweizylinder erwacht mit sonorem Brummen zum Leben. Beeindruckend ist der ruhige Lauf des Aggregats, nichts schüttelt oder spotzt, vollkommen ausgeglichen und ruhig. Ehrlich bemerkt, irgendetwas in dieser Art hatte ich geahnt. Von BMW, egal ob Auto oder Motorrad, werden perfekte Motoren erwartet, ich fühlte mich an ein damaliges Auto von BMW erinnert.

Seitenständer rein, Gang einlegen und raus aus der Tiefgarage, die ersten Meter sind noch ein bisschen steif aber schon auf den ersten Metern fällt die Wendigkeit der BMW auf. Sie lenkt gerne ein, ist wunderbar handlich sobald sie rollt und hängt willig am Gas. Schalten ist zwar ein notwendiges Übel, so genau nimmt es der Motor aber nicht damit. Unter 2500 Touren ist sie ein bisschen unwillig, Höchstdrehzahlen mag sie auch nicht, dazwischen ist Druck in allen Lebenslagen vorhanden. Die 85 PS reichen in allen Lebenslagen mehr als aus sofern man keine Geschwindigkeitsrekorde aufstellen möchte.

Tour Würmtal – Starnberger See – Ammersee – Landsberg – Raisting

Auf geht es durch das Münchener Hinterland Richtung Seen und Hügel. Durch Gauting hindurch geht es in das Würmtal. Eine landschaftlich abwechslungsreiche Strecke entlang der Würm durch Felder, Wälder und über eine tolle Landstraße für Zweiräder. Ich habe kaum Verkehr vor mir und die F800 zieht durch die Kurven, dass es eine Freude ist. ich hatte das übliche Beiwerk eingeladen, welches ich üblicherweise für eine 1-wöchige Tour mitnehme. Aufgrund der ähnlichen Koffergrößen zur VFR konnte ich mir das Umpacken ersparen.

Es geht durch unzählige Kurven durch das 5 Seen Land, vorbei an Starnberg, Münsing, Seeshaupt bevor es mich auf der anderen Seite wieder nach Norden zieht. In einer weiten Schleife geht es über Dachau, Augsburg, Landsberg wieder Richtung Ammersee. Den krönenden Abschluss finde ich dann in Raisting an der Erdfunkstelle. Die BMW F 800 GS Adventure reiht sich in die Reihe der Hightech Gebäude prima ein und posiert für das eine oder andere Foto. Im Hintergrund werden die Berge sichtbar, die Sonne geht unter und ich habe definitiv genug Ausflug für heute. Die restliche Brotzeit genieße ich auf einer Bank und schaue der BMW und den Bergen zu. Es wird dunkel und die Nacht meldet sich langsam an.

Es ist das erste Mal, dass ich die Instrumente der BMW in der Dunkelheit sehe und mich nach ihnen richte. Kurzform: Alles was leuchten soll, leuchtet in der Helligkeit, die es haben sollte. Ein kurzer Druck auf den passenden Schalter und die LED Leuchten sind an und die Straße wird großflächig ausgeleuchtet, insbesondere das Erhellen zu den Seiten hin ist sehr hilfreich und erlaubt bei Waldwegen einen sicheren Weg durch die Dunkelheit zu finden. In Kombination mit dem sehr hellen Frontscheinwerfer wird so alles sinnvoll erleuchtet, kurzum – es ist kein Vergleich zu meiner Honda Dominator und dem Teelicht, welches man vorne hinter Glas stellt.

Zwischenfazit der Tour: Alles so wie es sein sollte, alles so wie ich es von BMW erwartet hätte. Die Koffer erlauben auch eine schnelle Autobahnpassage ohne das es pendelt, wackelt oder sonst wie auffällig wird. Das Navigationsystem hat wirklich hervorragend funktioniert, auch in den Städten wo ich kleinere Straßen suchte. Das Navigationsgerät scheint auf einem sehr aktuellen Stand zu sein und macht das Fragen nach dem Weg überflüssig. Das Einzige was eindeutig zu monieren ist, ist der Lagesensor des Navis welcher sehr feinfühlig agiert. In kleineren Kurven oder bei Beschleunigungsphasen neigt es dazu sich auf den Kopf zustellen. Das ist sicherlich wenig hilfreich für die Sicherheit, letztlich nervt es aber deutlich. Dies ist definitiv ein Kritikpunkt an dem BMW arbeiten sollte.

 

Mit der Sozia durch das 5 Seen Land

Nachdem die Sozia dieses Jahr sich erst einmal hinten auf die Honda Dominator zwängen konnte, freuten wir uns auf unseren kinderfreien Nachmittag und die BMW. Bei bestem Wetter ging es los – die Richtung war: 5 Seen Land. Irgendwie zieht es uns dort immer wieder hin und wir finden jedesmal neue Wege, neue Orte und neue Stellen wo es schön ist. Es bleibt nicht soviel zu diesem Abschnitt zu schreiben außer: Das Verhalten der BMW im Sozia Betrieb ist perfekt in allen Belangen. Es wackelt nichts, es pendelt nichts, alles ist spurstabil und fühlt sich sicher an. Einziges Manko: Das Aufsteigen für eine kleine Person hinten auf den Soziaplatz gestaltet sich oftmals als sehr interessant. Nach ein paar Malen haben wir den Dreh raus und Frust weicht der Entspannung. Stundenlang fahren wir über kleinste Straßen solange durch die Gegend bis uns schwindelig wird. In der Kombination von 1.92m Größe (ich) und Kurz-über-Erdnuckel (wer anders) passt das prima zusammen. Die Sozia kann über meine Schulter schauen und kann so aktiv mitgenießen und pünktlich das Gewicht verlagern. Das macht einen Riesenspaß und nach rund 2 Stunden ohne jegliche Pause fahren wir zu einem kleinen Bäcker und laden die Koffer mit leckerem Kuchen voll. Das ist definitiv auch ein Grund eine Adventure mit Koffern zu kaufen.

 

Tour ab in die Berge (Kochel)

War die BMW eigentlich einmal in den Bergen? Klar, war sie das. Zumindest bis zu den Bergen heran. In einem leichten Übermut, es hatte noch nicht geregnet an diesem Tag, machte ich mich nach Feierabend über kleinste Straßen auf den Weg nach Kochel am See. Mit jedem Meter, den es in Richtung Kochel ging, wurde das Himmel schwärzer und die Temperatur sank um einige Grad. Nach rund 1.5 Stunden Fahrt kam ich dann in Kochel an, bei Wolkenbruch, Blitz – so komisch kristallartigem Zeug auf dem Windschild. Na prima, das Portemonnaie lag irgendwo jedoch nicht in der Jackentasche, kneifen in Form von Einkehren galt also nicht: weiter! Ich habe mich dann noch einige Schleifen ganz tapfer durch das Voralpenland gekämpft, irgendwann war dann jedoch Schluss. Ende der Motivation, Ende der Wärmereserven, frustriert und damit auch sicherlich nicht mehr in bester Motorradverfassung. Die Umleitung einer überspülten Staatsstraße führte über eine Autobahn, Blinker passend gesetzt und ab auf die Bahn Richtung München.

Neben vielen persönlichen Erkenntnissen: Was ist geblieben von diesem Trip? Das kleine Notizbüchlein über die Testtage gibt folgendes wieder: Beleuchtung immer noch toll, LED Scheinwerfer durchaus hilfreich, Handling auf kleinsten, hügeligen Strassen sehr gut, Frontscheibe bietet realen Wetterschutz, Griffheizung funktioniert tadellos (nur 2 Stufen).

 

Gejammere auf hohem Niveau

Technisch hat mich die BMW in nichts überrascht und das meine ich positivsten Sinne. Um so nerviger sind die kleinen Dinge, die irgendwie nicht so recht in das Bild passen wollen. Der Drehwurm des Navis oder die falsch herum montierten Zugentlastungen der Koffer innen. Sicherlich sind das einzelne Problemchen, die bei den Serienfahrzeugen nicht mehr auftauchen werden. Ich hätte mir einen stabileren Blinkerschalter gewünscht, irgendwie hatte ich immer Angst beim Absteigen mit der Hose hängen zu bleiben und ihn schlicht abzureissen – es ist nie passiert.

Ein wenig unverständlich ist mir jedoch die Preispolitik beziehungsweise das Sonderzubehör. Zu der Adventure lassen sich folgende Pakete dazu buchen: Enduro Paket und Komfort Paket. Das Komfort Paket beinhaltet folgende Dinge: Bordcomputer (nett), Heizgriffe (aktuell sinnvoll), Hauptständer (muss). Das Enduro Pakete besteht aus folgenden Bestandteilen: ASC und Enduro Modus. Weiteres Zubehör gibt es auch: Alukoffer (toll!), Topcase Halterung (hm) und Navigationssystem (gut). Neben den aufgezählten „Highlights“ gibt es noch eine große Palette – einfach mal der BMW Seite nachsehen.

Wenn ich also eine BMW F 800 GS Adventure kaufen soll, stehe ich vor der Qual der Wahl. Sicherlich würde ich das Komfortpaket inklusive der Koffer nehmen. Beim Navigationsystem müsste ich das Finanzierungsangebot der hauseigenen Finanzministerin checken, den Enduro Mode würde ich nicht einpacken.

 

GS einfach oder Adventure?

Diese Frage muss jeder für sich selbst ausmachen. In einem direkten Vergleich punktet für mich die Adventure in folgenden Dingen: Windschutz durch Windschild und Seitenbacken, 24 Liter Tank, der damit um 8 Liter größer als bei der GS ist, serienmässiges ABS, verstärker Heckrahmen – für den Betrieb als Tourer. Ich würde mich im Falle der Entscheidung für das Adventure Modell entscheiden.

 

Mein Eindruck von der BMW F 800 GS Adventure

BMW hat mit der F 800 GS Adventure die Produktpalette sinnvoll erweitert und in dem mittleren Segment des Marktes eine Alternative geschaffen. Es ist dabei vollkommen egal ob das Motorrad auf ausgedehnten Touren durch Schweden oder durch das Voralpenland bewegt wird Das Abenteuer ist schließlich nicht das erfolgreiche Absolvieren eines Reisevorhabens sondern die Summe der einzelnen Erlebnisse auf dem Weg. Dieses Empfinden ist subjektiv und lässt sich nicht durch Hochglanzprospekte und Testberichte schaffen. Ich habe die Zeit mit der BMW sehr genossen, sowohl auf den kleineren Touren als auch im Alltag wo die Koffer schlicht praktisch waren. Durch entsprechendes Styling sprach mich auch keiner auf die Koffer an – so etwas gehört eben an eine Adventure. Fertig aus. Diese BMW kann Emotionen wecken, sie vermitteln und ist ein toller Begleiter für das Abenteuer egal ob in der Garage gefühlt oder unmittelbar erlebt. Ob sie die Nachfolge einer Honda Africa Twin antreten kann wage ich zu bezweifeln, ohne Laptop wird hier nichts mehr zu reparieren sein, in ein paar Jahren werden wir mehr wissen.

Dennoch – irgendwann während des Testzeitraums setzte ich mich auf meine Honda VFR 800, etwas ganz anderes – für mich fühlt es sich lebendiger an.

Anmerkung: Die Bilder des Artikels gibt es auch auf flickr in einer eigenen Gruppe zum Betrachten. Ich würde mich freuen wenn weitere Mitglieder den Weg in die Gruppe finden und so den Bilderpool vergrössern. Auf Anfrage können die Bilder gerne anderweitig verwendet werden.

7 Gedanken zu „1000 Kilometer Abenteuer – BMW F 800 GS Adventure“

  1. Schöner Bericht, ich glaube die F 800 GS hätte mir im Harz auch gute Dienste geleistet, da hätte ich auch mal abseits der normalen Bundes- und Kreisstraßen viel Spaß gehabt.

    1. @Max, danke. Es ist ein tolles Motorrad und das Upgrade auf die Adventure hat definitiv einen Sinn. Ich war viel unterwegs mit ihr, die Touren sind nur Ausschnitte. Ob ich mit einem Vierteltonner wirklich Gelände fahren möchte, weiss ich auch nicht. Für Schotter- und Feldwege aber definitiv super geeignet!

  2. Hi

    Schöner Bericht. Ich stimme dir zu, dass eine 800er als Adventure druchaus Sinn macht. Dennoch denke ich, dass BMW hier noch einiges sinnvoller hätte gestalten können. Eine Kombination auf Front und Hecktank hätte dem Motorrad sicherlich eine schlankere Linie verpasst! Hätte ich persönlich besser gefunden. „Nur“ die Frontverkleidung dicker zu gestalten, damit diese dann zum Rest vom Moped passt finde ich ziemlich unsinnig. Wie hat es denn mit dem Verbrauch ausgesehen? Ist dieser wirklich etwas höher als bei der Standard 800er.

    Wenn ich mir den Preis für das Motorrad so ansehe, wird sich der ein oder andere sicherlich den Sprung auf die 1200er Adv überlegen. Dann noch Luftgekühlt momentan – aber dann hat man auch nen dicken Brummer der nicht nur so aussieht sondern unterm Plastik was drunter hat. ;-)

    Schönen Gruß

    1. :) – Der Verbrauch wird durch den hohen Windschild definitiv ein wenig höher sein, keine Frage. Der optische Eindruck durch den wuchtigen Aufbau links und rechts vom „Pseudo“ Tank wirken keineswegs billig. Das fette Auftreten ist aus Sicht BMW definitiv gewollt und soll vom Aussehen her den Anschluss an die große Adventure Linie schaffen.

      Der Preis – vor allem mit dem Sonderzubehör – ist durchaus hoch aber in absoluten Rahmen wenn ich so links und rechts zur Konkurrenz schiele. Die 1200er ist bei ähnlichen Ausstattungen preismässig ja doch noch mal einiges weg, in soweit passt der Ausdruck Mittelklasse durchaus.

  3. Nachdem ich ich mit der 1200er Adventure auf Straßenreifen im Enduropark Hechlingen war https://griesgram999.wordpress.com/2013/05/23/mit-metzeler-ins-gelande/
    Weiß ich, dass so dicke Dingern eine Menge mehr können, als ich ihnen gegetraut habe.

    Gut, dass du das Licht getestet hat. Mir gehen diese Notbeleuchtungen an den meisten Moppeds auf den Zeiger, ich will nachts gerne was sehen, wenn ich fahre. Ist das LED Licht serienmäßig?

    1. Ja, genau da knirscht es auch schon wieder im finanziellen Gebälk. Nein, die LED Lampen sind Sonderzubehör und müssen gesondert bezahlt werden. Leider, …

      Würde ich initial mitbestellen? Das käme auf den Preis an – es ist jedoch ein schönes Gefühl bei kleinsten Straßen in der Nacht durch einen Knopfdruck auch neben dem Scheinwerferlicht eine zusätzliche Ausleuchtung zu erreichen. Ich finde sie gut, sie entfernen die „schwarzen“ Löcher.

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