Subjektives über die Digitalfotografie – meine G9

Ich konnte mit der Digitalfotografie nie richtig warm werden. Weder die vereinfachte Massenproduktion noch das entspannte Sortieren und Verschieben in digitalen Fotoalben konnten mich davon überzeugen, dass die digitale Fototechnik die Zukunft ist. An meinem Grundsatz niemals eine digitale Spiegelreflexkamera zu kaufen halte ich nach wie vor eisern fest.
Die Entscheidung mit der Holga sowie der Rolleicord wieder und wieder Film zu belichten war definitiv richtig und wichtig. Nichts ist befriedigender als einen vollkommen unbekannten, belichteten Film aus dem Wasser der Entwicklerdose zu ziehen, das Wasser abzustreifen und den zarten oder auch kräftigen Negative beim Trocken zu zu sehen.
Der Lohn ist ein nachfolgender Kontaktabzug, das Identifizieren von vergrößerungswerten Negativen und der folgenden Krönung – dem Abzug in „Groß“ und das Hängen in der Wohnung. Wundervoll und unbeschreiblich.

Irgendwie hatte ich seit der Geburt meines Sohnes jedoch auch immer eine Digitalkamera an meiner Seite. Die erste Kamera war eine Sony DSC-P1, es folgte eine billige Kamera von Sony, dann irgendwann erfolgte der Kauf einer Canon Powershot G9 (Schuld war dieser Artikel). Unterbrochen von vielen, vielen analogen Bildern entdecke ich meine heilige G9 wieder. Ein unglaubliches Stück Fototechnik mit so vielen Zicken und Problemen, dass sie mit einer Analogkamera verglichen werden kann. Ab 200 ISO rauscht die Kamera derart intensiv, dass man sich fragt wo man diese Funktionalität abschalten kann. Bei 1600 ISO ist das Rauschen so stark, dass man die Bilder nicht mehr ansehen kann ohne dass man besondere psychodelische Erlebnisse durchlebt.
Wandelt man diese Bilder jedoch in Schwarz Weiss um, erhält man ein exaktes Abbild eines Ilford HP5 Plus gepushed auf 1600. Ich habe bei mir einige Abzüge, die das voll bestätigen können. Jedesmal wenn ich diese Bilder sehe, finde ich diese Spur Begeisterung in mir. ISO 800 bildet einen HP5+ ohne Push ab.

Um schnell mit dem Glauben „Diese Kamera macht gute Bilder“ aufzuräumen, sei angemerkt, dass dies nur eine Eigenschaft der Kamera ist. Als bekennender Analogfotograf weiss ich selbstverständlich, dass der Fotograf für das Bild verantwortlich ist.

Es macht einfach viel Spaß mit der G9 zu arbeiten. Dazu gehört das „Alles Dabeihaben“, also das Gesamtpaket und die Haptik der Kamera. Es ist keine leichte Kompakte, es ist ein solider Block Metall, der schwer und gut griffig ist. Alle Einstellmöglichkeiten sind einfach zu erreichen, dank großer Einstellrädchen für ISO und Programm, dank des Drehrades hinten auf der Kamera für die Navigation durch die Menüs.

(Anmerkung: *ugh* – Handy Kamera – sorry, für die Qualität)

Damit es dann „meine“ Canon G9 wird, wurden ein paar Modifkationen am Gehäuse durchgeführt. Leider sind diese nicht mehr erhältlich, falls jemand seine G9 jetzt umbauen möchte. Dazu gehört der spezielle Grip Handle sowie der Thumbrest. Diese machen die Kamera deutlich griffiger und das Handling fällt damit deutlich einfacher. Zusammen mit einem Lensmate oder Canon Tubus für mögliche Filter wird diese Kamera zu einem prima Arbeitswerkzeug für viele Anlässe. Für ernsthafte Aufgaben oder auch nur dem ambitionierten Fotografieren verwende ich daher immer den Adapter meist ohne Filter und nur mit Sonnenblende. Damit ist jegliche Kompaktheit flöten – es bleibt eine prima zu bedienende Kamera, die alle Aufgaben mit Bravur lösen kann (sofern man einige Regeln beachtet – siehe später…)

Bildqualität oder wichtige Einstellungen
Die Canon G9 Powershot hat ihr besonderes Eigenleben mit dem man umgehen muss wenn man gute Bilder aufnehmen möchte. Die Kombination von Objektiv, Sensor und Firmware funktioniert besonders gut bei Blende 4.5. Das Motiv wird sehr fein detailliert abgebildet, hier scheint die größte Schärfe des Objektivs zu liegen. Für alle, die diesen Bereich suchen, sei hier der Betrieb im Modus AV empfohlen. Man wählt hier die Blende und die Kamera errechnet die passende Verschlusszeit. Sollte keine Verschlusszeit errechnet werden können, muss gebenenfalls mit der ISO Einstellung (Drehrad oben links) korrigiert werden.
Das bringt uns zu der ISO Einstellung der Kamera. Die Canon Powershot G9 kann eine unglaublich hohe Abbildungsqualtität bei ISO 80 erreichen. Ein Rauschen oder sichtbare Artefakte fehlen komplett, es ist daher anzustreben ISO 80 wann immer möglich zu verwenden.

  • ISO 80: perfekte, rauschfreie Abbildungen
  • ISO 100, 200: gute Abbildungen, Rauschen nimmt stetig aber beherrbar, insbesondere in den Schattenbereichen zu.
  • ISO 400: Ekliges, grieseliges Rauschen. Insbesondere nervig bei Innenaufnahmen. Am besten Finger davon
  • ISO 800, 1600: Ilford HP5+ Mode – die Bilder sind stark verrauscht, wirken jedoch in s/w als Replica des Ilford HP5+ gut, als Stilmittel voll verwendbar
  • ISO 3200: einfach vergessen – vielleicht als 8 Bit Retro Pixelmode zu verwenden

Funktionalitäten wie Video oder Digitalzoom kann man schlicht vergessen. Es soll Menschen geben, die mit diesen Einstellungen Erfolg haben – ich kann mit den Ergebnissen nichts anfangen. Der eingebaute Blitz ist erstaunlich stark und gut einstellbar. Die Blitzlichtmenge lässt sich gut dosieren der Blitz hat jedoch einige Einschränkungen. Durch die kompakte Bauform liegen Kamerablitz und Objektiv sehr dicht beisammen, das führt schnell zu roten Augen. Die Abbildungen von Personen im Blitzbetrieb wirkt daher schnell „platt“. Bei der Verwendung des Lensmate oder Canon Adapters entsteht bei Nahaufnahmen in Folge der Bauform der Kamera schnell ein Objektivschatten. Die G9 frisst freundlich jedes Canon Speedlite – das Ausprobieren der verschiedenen Speedlites ist ein besonderes Erlebnis. Egal ob 500er, 400er oder 200er Serie – alles ist ein deutlicher Gewinn an Variabilität und Qualität. Sicherlich sieht ein 530er auf einer G9 etwas überdimensioniert aus, die Ergebnisse sind jedoch richtig gut und lassen jede DSLR mit Popup Blitz richtig alt aussehen. Vor allem wenn man den Blitz abgesetzt betreibt – irgendwann zahlt sich die Investition in die Einzelkomponente doch aus. Für den deutlich variableren Betrieb reicht das kleinste Speedlite 270EX II vollkommen aus. Klein leicht, prima transportabel und dennoch mit Leitzahl 27 ausreichend hell. Als Slave kann das 270er abgesetzt betrieben werden, das lässt sich bei Familienfeiern mit Standup Aufstellung (Hochzeit, Taufen, Kommunion und sonstigen Kram) super nutzen. Sonst einfach nur Blitz in die Hand nehmen und deutlich neben der Kamera platzieren. Empfehlung: Unbedingt nachkaufen!

Schlussgedanken
Nach einem weiteren Urlaub mit vielen Erinnerungen und viel Zeit mit der G9 habe ich erneut eine emotionale Bindung zu ihr gefunden. Die Vielfalt der Möglichkeiten, gepaart mit der Haptik und dem Erlebnis G9 verbinden. Ich werde mir weiterhin keine digitale Spiegelreflexkamera kaufen – ob ich mich allerdings lange gegen die Canon Powershot G1X wehren kann, weiss ich auch nicht. Die müsste man mal länger in der Hand haben, um zu erspüren ob sie ein würdiger Nachfolger für meine G9 ist.

In der Summe der Einzelpreise inkklusive der „Pimp-ups“ liegt meine Powershot G9 natürlich auf Preisniveau einer DSLR. Dennoch – entweder als kleine(re) Kompakte für unterwegs oder zum ernsthaften Fotografieren erfüllt die G9 meine Ansprüche. Wenn ich es komplett „ernst“ meine, kann ich mir den Punk der Dunkelkammer ja wieder antun. In der Kombination mit der Rolleicord, Belichtungsmesser und dem passenden Film gibt das denn wirkliche Qualität – mit dem Preis des zeitlichen Aufwands.

Für das Motorrad und die Erlebnisse hätte ich deshalb gerne beides: Eine kleine kompakte Kamera und tolle Qualität. Maßgeblich Qualität, die ich beeinflussen möchten – daher G9.

Nachsatz: Mal ehrlich. Die G9 ist nun schon diverse Jahre alt und bietet immer noch sehr viel für ihr Geld. Ob das „Update“ auf eine G12 oder eine G1X wirklich erforderlich ist, ist mir nicht klar. Vielleicht sollte man daher auch nicht sehr viel auf die Testberichte über Digitalkameras geben. In einem englischen Buch über Fotografie fand ich immer wieder den Satz: „Know your camera“. Das dauert einfach seine Zeit und benötigt viele Aufnahmen und Experimente. Das lässt sich vielleicht nicht in einem Testzeitraum von wenigen Wochen abbilden.

Nachnachsatz: Am Wochenende freue ich mich auf ein besonderes Event. Dank Akkreditierung komme ich vermutlich richtig nah ran – mal sehen was so geht – egal mit welcher Kamera. Kreativität benötigt Arbeitsmaterialen – die Idee ist jedoch ausschlaggebend. Da halte ich es mit Chase Jarvis: The Best Camera is the One That’s with You.

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